Die iAnatomie

23.01.2020
Beitrag von Eduard Kaeser
Publiziert unter:  Gesellschaft
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Ein Entscheid des Obersten Gerichtshofs der USA erklärte vor nicht allzu langer Zeit den Dateninhalt der Handys zu einem schützenswerten Gut. Wie der Vorsitzende John Roberts konstatierte, sind Handys „zu einem allgegenwärtigen und beharrlichen Teil des Alltagslebens geworden, sodass der sprichwörtliche Besucher vom Mars mutmassen könnte, sie seien ein wichtiger Teil menschlicher Anatomie.“

Die Technologie schreitet voran durch Miniaturisierung und Personalisierung: durch Anatomisierung, könnte man sagen. Wenn man vom Smartphone als von einem neuen Organ spricht, dann ist das eigentlich trivial. Technik verstärkt, verbessert, optimiert menschliche Fähigkeiten. Das können wir unverfänglich und generell feststellen, vom Faustkeil bis zum Computer. Die Anthropologen unterstreichen am Werkzeug den Aspekt, dass es sich um eine Fortsetzung oder Verlängerung menschlicher Organe handelt. Das griechische Wort „organon“ bedeutet „Werkzeug“. Ganz offensichtlich sind zum Beispiel Hammer, Hebel oder Zan­ge „Organe“ im Sinne der künstlichen Weiterentwicklung der motorischen Fähigkeiten unserer Arme und Hände. Weniger trivial erscheint die Umkehr: Wir adaptieren unseren Organismus an den neuen Körperteil. In dem Verhältnis, in dem wir menschliches Vermögen in Artefakte hinausverlagern, verlagern wir das künstliche Vermögen der Artefakte in uns hinein. Wir inkarnieren quasi die von den Geräten vorgegebenen Verhaltensweisen, Rhythmen und Normen.

Das demonstriert wie kein anderes Instrument die mechanische Uhr. Anfänglich war sie ein öffentliches Gerät der Zeitmessung, eine Chrono-Institution, eingebaut in Kirchen, Rathäusern, Bahnhöfen, Schulen. Sie prägte das öffentliche Leben zunehmend. Turmuhr, Wanduhr, Taschenuhr, Armbanduhr: an dieser Sukzession lässt sich ein Prozess des Anatomiewerdens der Uhr ablesen – und dadurch entpuppt sich ihr Ticken als der wahre Taktgeber des Lebens, nicht der natürliche Rhythmus des Herzens. Zeitmesser sind stille und effiziente Unterdrückungsorgane.

Was mit einer digitalen multifunktionellen Uhr am Handgelenk auf uns zukommt, wissen wir nicht. Offensichtlich genug bindet sie uns stärker ans Internet. Die Assoziation mit einer Handschelle stellt sich schnell ein. Die Dialektik, die darin steckt, spielt sich freilich im Verborgenen ab. Marshal McLuhan brachte sie auf den Punkt, als er Technik generell als Ausweitung und als Selbst-Amputation des Menschen bezeichnete. Eine Apple Watch mit all ihren Apps bringt mich auf den neuesten Stand der Dinge, sie sagt mir, wo mich befinde, sie misst Puls, Körpertemperatur, Hor­­mon­haushalt, zeichnet meinen momentanen psychischen Zustand auf („zur Zeit bist du glücklich“): ein Übergang von der Zeitmessung zur totalen Selbstvermessung. Und was tut dieses Selbst eigentlich noch selbst?

Benjamin Franklin prägte zu Beginn der Industrialisierung im 18. Jh. die Kurzdefinition des  Men­schen als des "Werkzeuge machenden Tiers". Dieses Tier hat sich dank seines zunehmend überlegteren Gebrauchs von Werkzeugen physisch, psychisch und kognitiv aus dem Kreis der andern Tiere heraus entwickelt. Nun scheinen sich die Werkzeuge aus dem Kreis der Menschen heraus zu entwickeln. Wir befinden uns in einer Koevolution von Mensch und Maschine. Joseph Weizenbaum schrieb vor fast vierzig Jahren: „Die Uhr ist keine prothesenartige Maschine (..) Sie ist eine autonome Maschine.“ - Könnte sein, dass sich der Mensch mit seiner neuen Anatomie zur Prothese der Uhr weiterentwickelt.

Eduard Kaeser
Eduard Kaeser
Eduard Kaeser studierte theoretische Physik, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie an der Universität Bern. Bis 2012 war er Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik. Er publiziert über Themen zwischen Wissenschaft und Philosophie.