Interessenabwägung: räumlich, konkret, digital

23.07.2019
Beitrag von Nicole A. Mathys, Yves  Maurer Weisbrod
Publiziert unter:  Geodesign, Interessenabwägung, Partizipation, Dialog, Transparenz, Daten
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Die Bedürfnisse der Bevölkerung wachsen und der Raum wird eng. Die Zunahme an Nutzungskonflikten verursacht in Teilen der Gesellschaft unüberhörbares Unbehagen. Wie kann die Nutzung des kostbaren Raumes bei zunehmenden und sehr unterschiedlichen Ansprüchen geplant und koordiniert werden? Wie können die verschiedenartigen Bedürfnisse frühzeitig erkannt und in die Planung integriert werden?

Geodesign ist eine vielversprechende Methode, welche einen komplexen und verbindlichen Planungsprozess unterstützen kann. Im Dezember 2018 führte das Bundesamt für Raumentwicklung ARE deshalb einen Workshop zum Thema «Interessenabwägung mittels Geodesign» mit Vertretern aus verschiedenen Bundesämtern durch. Geodesign wurde als partizipative Planungsmethode bereits in den 60er Jahren durch den Harvard Professor Dr. Carl Steinitz entworfen. Dr. Hrishikesh Ballal übersetzte den analogen Prozess in die Webapplikation https://www.geodesignhub.com, welche es erlaubt den partizipativen Planungsprozess digital zu unterstützen. Der digitale Aspekt erlaubt es einerseits Interessensvertretern räumlich und zeitlich unabhängig zu arbeiten und andererseits Auswirkungen von Massnahmen früh und konkret zu sehen und den Prozess transparent und nachvollziehbar zu dokumentieren.

Geodesign fordert, dass Ideen schon im frühen Entwicklungsstadium räumlich verortet werden, um weiteren Interessen gegenübergestellt zu werden. Diese Darstellung und Transparenz zeigt auf, welches Gebiet durch welche Interessen unter Druck geraten könnte, aber auch wo Synergien in den Vorhaben bestehen könnten. In mehreren Iterationen werden die raumplanerischen Vorhaben abgestimmt.

Ab in den Süden!

Um Geodesign praxisnah zu prüfen, wurde im Workshop an einem konkreten Planungsverfahren gearbeitet. In Cagliari, im Süden Sardiniens gruppierten sich 17 Gemeinden zu einer grossen Planungsregion zusammen. Dabei mussten die Entwicklungsabsichten der Gemeinden konsolidiert werden, was nicht der traditionellen Planungskultur Sardiniens entspricht. Die räumlichen Interessen von Wirtschaft, Tourismus, Bau- und Wohnungswesen, Natur & Umwelt, Kulturerbe, Verkehr, Industrie aufeinander wurden einander gegenübergestellt und abgestimmt.

Standardisiert kreativ

Geodesign folgt einem stark strukturierten, digitalisierten Prozessablauf. Wie aber steht Standardisierung zu Kreativität? Die Erarbeitungsschritte und Angaben zu den Massnahmen sind vorgegeben und nach jeder Gegenüberstellung, Iteration liegen neue Resultate vor. Bei der eigentlichen Interessenabwägung innerhalb einer Iteration werden der Kreativität aber keine Grenzen gesetzt. Die Teilnehmenden sind frei, wie sie zum Entscheid gelangen.

Gut gegen Unwissen

Alle Massnahmen fliessen in die zentrale Plattform ein. So sehen alle Beteiligten von Anfang an alle Massnahmen. Dies fördert den Dialog und zeigt mögliche Konflikte sehr früh auf. Die im Verlauf des Prozesses räumlich und inhaltlich konkretisierten Absichten in Form von Punkten, Linien und Flächen werden gespeichert und können für den weiteren Planungsverlauf genutzt werden. So leistet Geodesign eine solide, kollaborativ erarbeitete Grundlage, welche es erlaubt die einzelnen Schritte der Planung gut abgestimmt und dokumentiert zu durchlaufen.

Geodesign als Aufgabe des Bundes?

Der Workshop hat aufgezeigt, dass Geodesign sich für die Interessenabwägung sehr gut eignet. Das ARE will den Einsatz von Geodesign einem Praxistest unterziehen und damit die digitale Unterstützung von Arbeitsprozessen vorantreiben.

Nicole A. Mathys
Nicole A. Mathys
Leiterin Sektion Grundlagen, Bundesamt für Raumentwicklung ARE
Yves Maurer Weisbrod
Yves  Maurer Weisbrod
Stv. Leiter GIS-Fachstelle ARE