Menschzentrierte Orts- und Raumentwicklung

25.09.2019
Beitrag von Remo Rusca
Publiziert unter:  Partizipation, Dialog, Landesentwicklung, Arbeitswelt
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Menschen sind soziale Wesen. Fehlt die Verbindung, ziehen sie sich zurück. Vielfach hat das heute damit zu tun, dass ich vor lauter Komplexität den Wald nicht mehr sehe, weil ich mich auf die Hirsche zwischen drin, statt auf die Bäume fokussiere. Der Hirsch wird gejagt, statt die Bäume im Zusammenhang zu sehen. Das hat viel mit Komplexität zu tun. Wir Menschen können komplizierte Aufgaben selber oder mit Hilfe von Technologie lösen. Komplexe Aufgaben hingegen werden nur durch ein gesamtheitliches Verständnis und multidimensionales Vorgehen gelöst.

Die Weltgemeinschaft hat sich eine Agenda für eine nachhaltige Entwicklung gegeben. Gleichzeitig schreiten die technologischen Entwicklungen exponentiell voran. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten, mit komplexen Themen umzugehen und diese allgemeinverständlich sichtbar zu machen. Bürger*innen sollten befähigt werden, sich aktiv in den Dialog über die Lebensraumveränderung einzubringen und Teil davon zu sein. Damit dieser Dialog stattfinden kann und der Umgang mit Veränderung fortwährend in unseren Alltag einzieht, benötigen wir dazu geeignete institutionsübergreifende Orte. Orte also in denen Akteure (Unternehmen, Zivilgesellschaft, etc.) Gespräche führen können, um Komplexität verständlich zu machen.

In Lichtensteig wird aktuell der «Ort für Macher*innen» ausgerufen. Die Buttisholzer haben auch kürzlich ihre neue Dorfidee «Ort der Kreisläufe» erarbeitet. Beide Orte zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit den Menschen eine relevante Dorfidee erarbeiten und daraus wirkungsorientierte Projekte umsetzen. An beiden Orten hat oder wird sich ein physischer Ort etablieren, der sich als VillageOffice, Dorfbüro resp. Zukunftsbüro betreiben lässt.

Die Schweiz ist als dezentrales Netzwerk zu stärken. Diese Feststellung ist für die digitale Strategie von höchster Relevanz, weil die Schweiz seit der Bundesgründung 1848 als dezentrales Netzwerk aufgebaut ist und deshalb auch mit kultureller Vielfalt und divergierenden Interessen umgehen kann. Trotzdem beobachten wir, dass auch in der Schweiz die Verstädterung zu nimmt. Seit wir das dezentrale Netzwerk schwächen, indem wir Gemeinden fusionieren, Aufgaben an höhere Instanzen delegieren und die Medien zentraler gesteuert sind, hat sich auch die Dialogkultur verändert.

Mit einer menschzentrierten Ortsentwicklung, wie z.B. in Buttisholz und Lichtensteig wird diese Kultur an der Wurzel gestärkt. Methodisch kombinieren wir die nötigen Kompetenzen und methodischen Bausteine, um komplexe Entwicklungen nach Innen zu führen und Wirkung zu erzielen. Wir nennen die Bausteine «IVO Landsgemeinde», «IVO Entwicklungszyklus», «IVO Soziale Netzwerkanalyse», «IVO Leitbild» und «Luucy». Daraus ergibt sich ein gänzlich neues Vorgehen der Innenentwicklung. Voraussetzung ist ein partnerschaftliches Miteinander auf Basis von agilen Zusammenarbeitsformen. Auf diesem Weg kann das Raumplanungsgesetz in einer komplexen Welt in den Gemeinden verankert werden.

Gemeinsam tauchen Menschen, Politiker und professionelle Begleiter ein, um Wirkung zu erzielen. Kein einfaches Unterfangen. Es braucht Mut, um diese Wege zu gehen. Die Gemeinde Eschlikon hat mit meiner Begleitung die Projektförderung des «Smart City Innovation Award» gewonnen und bereitet nun die Grundlagen vor, um in einer digitalen statt industriell geprägten Gesellschaft das zu beleben, was die Schweiz immer ausgemacht hat: Relevanz und Leben physisch und digital dort wo es zählt.

Ein weiteres Beispiel ist die auf meinen Impuls hin geschaffene Kooperation zwischen der Regionalentwicklungsplattform WIWA und das Projekt smartvillages im Oberwallis, um partizipative Formate zu initiieren. Denn die Landflucht aus Berggemeinden ist eine grosse Herausforderung. Mit der Digitalisierung etabliert sich nun eine noch junge Gegenbewegung «Urbane Dörfer», dazu zählt auch Lichtensteig und die Impulse von VillageOffice. Dies zeigt ferner eine Studie des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung" für den Perimeter Berlin.

Rusca
Remo Rusca
Imhof Van Wezemael Odinga AG; Co-Founder VillageOffice