Wie verändern neue Technologien unser Leben?

05.02.2020
Beitrag von Dr. rer. soc. Elisabeth Ehrensperger
Publiziert unter:  Gesellschaft, Forschung, Technologie
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Eine Aufgabe der Geschäftsstelle TA-SWISS ist das Themen-Monitoring. Wenn Sie auf Ihren Radar blicken, welche Technologien werden die Gesellschaft in den nächsten Jahren am meisten herausfordern?

Auch TA-SWISS verfügt nicht über eine Glaskugel, aber absehbar ist heute, dass KI-gestützte Technologien wie Sprachassisstenten, soziale Roboter oder Personality-Apps unsere Gesellschaften vor ganz besondere Herausforderungen stellen werden: Im dem Masse wie diese Technologien eine auf die Nutzer zugeschnittene, personalisierte Beziehung zwischen Mensch und Maschine versprechen, verändern sie die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, aber auch das Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Stimm-, Sprach- und Gesichtserkennung bspw. ermöglichen uns ungleich reibungslosere Dienstleistungen, bringen aber auch neue Abhängigkeiten und Gefahren mit sich. Für eine schöne Ironie halte ich, dass sich San Francisco als Metropole des Silicon Valley kürzlich ein Verbot der Gesichtserkennung auferlegt hat.

Wo stellen sich dabei die grössten Herausforderungen für die Schweiz?

Die Schweiz zeichnet sich u.a. durch Kleinräumigkeit, Mehrsprachigkeit, Föderalismus und direkte Demokratie aus. Vor diesem Hintergrund ist das Funktionieren unseres politischen Systems stark geprägt von unserem sozialen Miteinander und setzt politische Bildung sowie die Partizipation des ‚Citoyen‘ am Gemeinwesen voraus. Wie wirkt sich nun die Digitalisierung auf unseren demokratischen Willensbildungsprozess aus? Wie verändert sich der Dialog zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppen und wie passt der einzelne Stimmbürger sein politisches Verhalten den neuen technischen Möglichkeiten an? TA-SWISS ist daran, mehrere Teilstudien zu diesen Fragen erarbeiten zu lassen.

Wird sich die Rolle des Staates verändern? Wenn ja, wie?

Forschung und Entwicklung, aber auch Netzwerke und Daten werden zunehmend global organisiert. Sie zu regulieren, obliegt aber nach wie vor dem Staat und nicht privaten globalen Playern. Der Staat hat die Rechte seiner Bürger auch in einer digitalisierten Welt zu schützen; will er der Garant für soziale Sicherheit und demokratische Selbstbestimmung bleiben, muss er seinen Handlungsspielraum nutzen. Die Rede, alles sei eh global bestimmt und für den einzelnen Staat unbeeinflussbar, halte ich für verantwortungslos.

Wenn Sie an die Schweiz und ihre Stärken denken, welche sich abzeichnenden Chancen sollten wir bereits heute mit mehr Elan vorwärtstreiben?

Die Schweiz hat ein enormes Potential im Bereich Bildung, Forschung und Entwicklung: Das Land bietet Stabilität, Wohlfahrt, soziale Sicherheit und zeigt gleichzeitig eine grosse Offenheit gegenüber der Entwicklung neuer Technologien; und es lebt die Tradition, Anwendungen neuer Technologien demokratisch zu diskutieren und zu regulieren. Darin liegt auch das Potential, sich grosse Unabhängigkeit zu bewahren. Die Schweiz ist keine Insel. Doch Entwicklungen, die sich im Ausland durchsetzen, einfach nachzuvollziehen, ist eine schlechte Lösung. Die Schweiz sollte vielmehr aktives Vorbild sein für eine menschenverträgliche Umsetzung der Digitalisierung.

Die Technik ist bekanntlich kein Selbstzweck, sondern soll dem Menschen dienen. Gerade bei der Digitalisierung ist sichtbar geworden, dass ein breiter Dialog wichtig ist. Sie kennen verschiedene Mitwirkungsverfahren, um die Bevölkerung in den Dialog mit Wissenschaftlerinnen und Politiker einzubinden. Welche Gefässe haben sich in den letzten Jahren besonders bewährt

Eine öffentliche Diskussion, welche die Interessen der Allgemeinheit fokussiert, tut Not, und diese Diskussion zu fördern, ist Teil des Mandates von TA-SWISS. Wir tun dies u.a. mittels partizipativer Verfahren – wobei diese weder der Akzeptanzförderung noch dem Schüren von Ängsten neuen Technologien gegenüber dienen. Die partizipativen Focus-Veranstaltungen, die unsere Stiftung für Technikfolgen-Abschätzung jährlich durchführt, richten sich am Bedürfnis der Bevölkerung nach unabhängiger Information und nach einer durchaus kontroversen Debatte über Potentiale und Risiken neuer Technologien aus. Dabei versteht sich TA-SWISS als Plattform, die möglichst alle Stakeholder um einen Tisch vereint.

Wie sieht Ihre persönliche digitale Schweiz von morgen aus?

Digitalisierung ist zum Schlagwort verkommen, das es mit Inhalt anzufüllen gilt darum bemüht sich TA-SWISS im Dialog mit der Bevölkerung, der Wissenschaft und der Politik. Ich wünsche mir eine Schweiz, die diese inhaltliche Arbeit mitprägt und dem Gefühl des Ausgeliefertseins technologischen Entwicklungen gegenüber entgegentritt. Sie hat den Menschen ins Zentrum all dieser Entwicklungen zu stellen. Denn es ist der Mensch, der dafür sorgen muss, dass die Technik der Lösung unserer grossen (Energie-, Klima-, Umwelt-) Probleme dient und nicht neue Probleme schafft.

Dr. rer. soc. Elisabeth Ehrensperger
Dr. rer. soc. Elisabeth Ehrensperger
Geschäftsführerin TA-SWISS, Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung